Herausforderung des Klimawandels für die Weinbranche

Tagung des Geisenheimer Instituts für Weiterbildung beleuchtet weinbauliche und kellerwirtschaftliche Herausforderungen angesichts von Temperaturanstieg und Extremwetterereignissen und vermittelt den Teilnehmenden praxisnahe Managementstrategien.

Der Klimawandel ist nicht nur mit steigenden Temperaturen, sondern auch mit immer häufiger werdenden Wetterextremen verbunden, die Winzerinnen und Winzer vor Probleme stellen. Im Rahmen der Tagung „Herausforderungen des Klimawandels für die Weinbranche“ des Geisenheimer Instituts für Weiterbildung (GIW) Mitte August 2019 vermittelten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Hochschule Geisenheim den Teilnehmenden deshalb praxisnahe Strategien, die sie beim Erhalt der Traubengesundheit und der Weinqualität unterstützen.

Häufigere Starkregenereignisse und längere Trockenphasen begünstigen die Ansiedlung neuer und Ausbreitung etablierter Schaderreger. Steigende Temperaturen während der Reifephase verändern die Traubeninhaltsstoffe. Um trotzdem auch künftig typische Weine mit möglichst hoher Qualität erzeugen zu können, müssen Winzerinnen und Winzer an den verschiedenen Stellschrauben von Sortenwahl über Bodenbearbeitung, Bewässerung, Kulturarbeiten und Pflanzenschutz bis hin zu oenologischen Strategien wie etwa dem Säuremanagement drehen.

So sorgen veränderte klimatische Bedingungen mit zunehmend längeren Trockenphasen für Wassermangel und folglich einen Stickstoffmangel im Boden während der Vegetationsphase. Dieser Mangel beeinträchtigt die Gärung und damit die Aromaausprägung. Werden dann durch Starkregen schlagartig hohe Mengen Stickstoff für die Rebe verfügbar, hat dies negative Folgen für die Traubengesundheit. Auch im Hinblick auf die weiter steigende Nitratbelastung des Grundwassers bedürfe es Anpassungen in der Bodenbearbeitung und einer Optimierung bei Düngezeitpunkt und -intensität, so Prof. Dr. Otmar Löhnertz, Leiter des Instituts für Bodenkunde.

Der Pflanzenschutz registriere, dass sich die Jahre mit schweren Bodeninfektionen durch Peronospora häuften. Der temperaturbedingte frühere Austrieb und die schnellere Blüte könnten die Entwicklung von Traubenbotrytis begünstigen, ergänzte Dipl.-Ing. Ottmar Baus vom Institut für Phytomedizin. Auch wenn Witterungsfaktoren wie Temperaturschwankungen und Niederschläge die Einflussmöglichkeiten begrenzten, so sollten Winzerinnen und Winzer immer die optimale Balance zwischen vorbeugenden Pflanzenschutzmaßnahmen und einem guten Resistenzmanagement anstreben. Der Applikationszeitpunkt sei entscheidender als die Auswahl des Präparates und eine genaue Beobachtung der Reben unabdingbar.

Prof. Dr. Joachim Schmid vom Institut für Rebenzüchtung sprach im Rahmen der Tagung über das Potenzial hoher genetischer Diversität als Vorbereitung auf klimatische Veränderungen. Er erläuterte die Möglichkeiten der systematischen Klonenselektion mit Blick auf die Züchtung fäulnisfester Sorten mit kalkulierbarem Ertragspotenzial und hoher Weinqualität.

Den kellerwirtschaftlichen Herausforderungen bei der Wahrung dieser Qualität widmeten sich unter anderem Dr. Matthias Schmitt und Dr. Maximilian Freund vom Institut für Oenologie. Schmitt betonte noch einmal, dass steigende Temperaturen steigende Alkoholgehalte begünstigten. Die wiederum bedingten Gärstockungen, die die Gefahr der mikrobiologischen Kontamination mit sich brächten. Allerdings werden nicht nur die steigenden Alkoholgehalte zum Problem: Sinkende Säuregehalte durch stärkere Verstoffwechselung von Äpfelsäure in warmen Jahrgängen haben nicht nur einen Einfluss auf die Sensorik. Die gleichzeitig steigenden pH-Werte begünstigen die Lebensbedingungen weinschädlicher Mikroorganismen wie Milch- und Essigsäurebakterien. Daher ist bei einer Säurekorrektur auch die Absenkung des pH-Werts ein wichtiger Aspekt.

Die weinrechtlichen Rahmenbedingungen stellen den Winzerinnen und Winzern derzeit einige Instrumente zum Säuremanagement zur Verfügung. Dennoch warnte Freund, die Wahl der Methode beeinflusse entscheidend Geschmack und Stabilität. Dies gilt indes auch für den Lesezeitpunkt: Vergleichende Versuche zeigten stärkere Aromaverluste durch frühe Lese als durch technischen Eingriff im Weinstadium, mit dem der höhere Alkoholgehalt aus späteren Lesezeitpunkten reduziert werden kann.

Die Referentinnen und Referenten verwiesen deshalb unisono darauf, dass die Winzerinnen und Winzer zunehmend flexibler reagieren müssen, um jedes Jahr Weine mit bestmöglicher Qualität zu produzieren. Prof. Dr. Monika Christmann, Leiterin des Instituts für Oenologie, verwies darauf, dass die Entwicklung neuer Technologien und Methoden angesichts des Klimawandels eine Option bleiben müsse. Die Branche werde in den kommenden Jahren eine emotionale und kontroverse Diskussion über Tradition, Nachhaltigkeit, Energie-Effizienz und den Einsatz von Technologien führen – sollte sich allerdings auch darauf einstellen, den Verbraucher für neue Weinstile zu begeistern.

Das GIW plant, weitere Veranstaltungen zu dieser Thematik anzubieten, denn die zukünftigen Herausforderungen durch den Klimawandel sind enorm vielfältig und verlangen von der Weinbranche zunehmende Flexibilität. Weitere Problemfelder und entsprechende Lösungsstrategien sollen anhand von Forschungsergebnissen aus den verschiedenen Instituten der Hochschule Geisenheim praxisnah behandelt werden.

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