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„An der Anpassungsfähigkeit von Pflanzen kann man viel lernen“

Mit Prof. Dr. Mühling übernimmt ab heute, 1. Juni 2026, ein ausgewiesener Agrarwissenschaftler und Wissenschaftsmanager die Leitung der Hochschule Geisenheim. Bereits seit vielen Jahrzehnten hat er einen Bezug zur Hochschule. Im Interview spricht er über seine beruflichen Stationen, seine Leidenschaft für Lehre und Forschung, seine Ziele für die Hochschule und darüber, was ihn persönlich antreibt.

Herr Prof. Mühling, alles Gute zu Ihrem Start und herzlich willkommen in Geisenheim. Wie lange kennen Sie die Hochschule bereits? Was fasziniert Sie an der Hochschule Geisenheim?

Die Hochschule Geisenheim kenne ich bereits seit rund 40 Jahren. Schon in den 1980er-Jahren bin ich während meines Studiums an der Justus-Liebig-Universität Gießen erstmals auf Geisenheim aufmerksam geworden, da zwischen beiden Einrichtungen eine enge Kooperation bestand. Damals hatte ich zunächst keinen direkten Zugang zur Hochschule, weil ich nicht den gewünschten universitären Abschluss erwerben konnte. Später, nach meiner Berufung auf eine Professur, ergaben sich dann intensive Kontakte: Im Fach Biochemie und Biotechnologie der Pflanzenproduktion unterrichtete ich unter anderem Geisenheimer Studierende der Oenologie an der Justus-Liebig-Universität.

Besonders faszinierend finde ich bis heute den besonderen Charakter der Hochschule Geisenheim. Sie verbindet angewandte Forschung mit Grundlagenforschung und nimmt damit eine einzigartige Rolle in Deutschland ein. Die Konzentration auf Spezialkulturen wie Wein, Obst und Gemüse, Zierpflanzen ist in dieser Form außergewöhnlich. Die gleichzeitige Diversifizierung in Richtung Lebensmittel, Getränke und Landschaftsarchitektur ist zudem bemerkenswert und steigert die Attraktivität und Möglichkeiten der Hochschule weiter. Mit diesem Themenspektrum bietet sich ein großes Potenzial, ein Alleinstellungsmerkmal, für Forschung, Lehre und Wissenstransfer. Das sollte aus meiner Sicht auch künftig noch stärker im nationalen und internationalen Marketing genutzt werden.

Was haben Sie vor Ihrer Tätigkeit in Geisenheim gemacht?

Ich habe Agrarwissenschaften studiert, wurde promoviert und habilitiert und war anschließend über viele Jahre an verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen tätig. Insgesamt war ich 23 Jahre lang als Professor tätig, zunächst an der Justus-Liebig-Universität Gießen und dann an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Mein Herz schlägt dabei zum einen für die Lehre. Worauf ich besonders stolz bin: Im Laufe meiner wissenschaftlichen Laufbahn habe ich weit über 100 Bachelor- und Masterarbeiten betreut, viele Doktorandinnen und Doktoranden in ihren Promotionsvorhaben sowie eine Reihe von Habilitationen begleitet. Vor allem meine Doktorandinnen und Doktoranden konnten zahlreiche Promotionspreise gewinnen. 

Auch auf die Forschung habe ich stets einen großen Wert gelegt. Beispielsweise habe ich viel über die Nährstoffnutzungseffizienz und Vermeidungsstrategien von treibhausrelevanten Spurengasen nach mineralischer und organischer Düngung gearbeitet. Des Weiteren habe ich viel geforscht im Bereich der Grundlagenforschung zur Blattdüngung, zu unterschiedlichsten landwirtschaftlichen Kulturpflanzen, auch von Gemüse und Obst , oder im Bereich Resistenzforschung, also der Erhöhung der Widerstandsfähigkeit von Pflanzen an Wasserstress (Trocken- und Salzstress, Überflutung) durch angepasste Pflanzenernährung, um nur einige Beispiele zu nennen. 

Die Resistenz- und Qualitätsforschung mit Pflanzen finde ich besonders unter dem Klimawandel faszinierend: Denn die Pflanzenwelten sind wirklich anpassungsfähige Systeme, die man systemwissenschaftlich  betrachten muss. An Pflanzen kann man ganz viel für die Lebenswissenschaften lernen. All das passiert ja auch in der Forschung in Geisenheim jeden Tag.

Was bringen Sie für die neue Aufgabe mit?

Ich bringe langjährige internationale Erfahrung in Wissenschaft und Hochschulmanagement mit. Dazu gehören mehrjährige Auslandsaufenthalte ebenso wie die Mitwirkung an drei englischsprachigen Masterstudiengängen. Zudem konnte ich umfangreiche Führungserfahrung als Dekan und Präsident zweier wissenschaftlicher Fachgesellschaften sammeln.

Aktuell bin ich zudem Präsident des Dachverbands Agrarforschung sowie Herausgeber und Chefredakteur von zwei wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Wichtig ist mir dabei immer der enge Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft.

Wie gehen Sie die Aufgabe als Präsident an? Was werden Sie als Erstes tun? Was ist Ihnen in den ersten Wochen Ihrer Amtszeit besonders wichtig?

In den ersten Wochen möchte ich vor allem die Mitarbeitenden und ihre Institute kennenlernen. Mir ist wichtig, ein Vertrauensverhältnis zu den Kolleginnen und Kollegen aufzubauen und die Hochschule aufmerksam wahrzunehmen und zu verstehen.

Ein besonderes Anliegen ist mir außerdem die Weiterentwicklung der Studierendenzahlen mit meinem Input zu unterstützen – insbesondere im internationalen Bereich. Internationale Masterstudiengänge wie etwa „Pomology“, „Vegetable Crops“, „Environmental Management“, oder das Trendthema „Plant-based Nutrition and Longevity“, also Faktoren für ein gesundes und möglichst langes Leben, die bieten hierfür großes Potenzial. Gleichzeitig möchte ich helfen, die Hochschule als attraktiven und modernen Studienort weiter zu stärken.

Als Präsident sehe ich mich als Motivator für die Mitarbeitenden. Eine offene Kommunikation, gegenseitiges Vertrauen und die gemeinsame Arbeit an einer klaren Zukunftsperspektive für die Hochschule sind mir dabei besonders wichtig.

Die Hochschulwelt verändert sich, ebenso wie die vielen, zumeist landwirtschaftlich geprägten Branchen, die teilweise vor großen Herausforderungen stehen. Wo sehen Sie die Hochschule Geisenheim in fünf Jahren?

Ich sehe die Hochschule Geisenheim in fünf Jahren als international noch viel sichtbarere Universität für alle Spezialkulturen, Lebensmittel sowie Landschafts- und Stadtentwicklung mit einem starken Praxisbezug. Gerade in Zeiten großer Veränderungen – etwa durch Klimawandel, Nachhaltigkeitsanforderungen und den technologischen Wandel – kann Geisenheim eine wichtige Rolle als innovative und verlässliche Partnerin für Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft übernehmen.

Die besondere Verbindung aus wissenschaftlicher Exzellenz, Praxisnähe und Internationalität bietet dafür hervorragende Voraussetzungen.

Wie würden Sie sich selbst als Mensch beschreiben? Haben Sie ein Lebensmotto?

Ich würde mich als neugierig, gutmütig und humorvoll beschreiben. Gleichzeitig ist mir Beharrlichkeit wichtig – deshalb lautet eines meiner wichtigsten persönlichen Mottos: Niemals aufgeben.

Und zum Schluss: Was macht ein Pflanzenwissenschaftler wie Sie in seiner Freizeit? Was ist Ihre Lieblingspflanze?

In meiner Freizeit bin ich gerne aktiv unterwegs, zum Beispiel beim Nordic Walking oder Radfahren. Entspannung finde ich dabei in der Natur.

Was die Pflanzen angeht, eigentlich mag ich alle Arten von Pflanzen. Sie faszinieren mich sowohl wissenschaftlich als auch emotional. Wenn ich an zweiteres denke, haben es mir nach vielen Jahren in Kiel unter anderem die Felder mit gelb blühenden Rapspflanzen angetan. Dahinter schimmert das Meer blau, das sieht einfach fantastisch aus. Diese Landschaften verbinde ich mit Ruhe, Weite und persönlichen Erinnerungen – etwa an Aufenthalte an der Ostsee. Hier in Geisenheim angekommen, werden aber sicher bald die Reben oder auch Obstbäume zu meinen Lieblingspflanzen. Die Weinberge in der einzigartigen Kulturlandschaft des Rheingaus haben mich schon immer fasziniert.

Bildquelle: Hochschule Geisenheim / Tina Kissinger, Philipp Stieffenhofer

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