I Forschungsansatz
II Forschungsprojekt
III DFG-Netzwerk
IV Öffentlich wirksamer Raum
I Forschungsansatz
Städtische Freiräume haben eine große Alltagsbedeutung. Die entwurflichen Entscheidungen von Landschaftsarchitekt:innen wirken sich auf das Lebensumfeld sehr vieler Menschen aus. Mit Steuergeldern finanziert gestalten sie öffentliche Räume im Auftrag der öffentlichen Hand. Trotzdem findet in der Regel keinerlei Erfolgskontrolle statt: Wie bewährt sich eine Freiraumgestaltung? Was leistet sie für eine Stadt, ein Quartier? Welche Fehler wurden gemacht und sollten andernorts nicht wiederholt werden?
Hier setzt die empirische Wirkungsforschung an. Sie fragt nach dem Verhältnis zwischen Entwurfsversprechen und gebauter Realität – dem, was nach Jahren des Gebrauchs eines Freiraums im Alltag seiner Nutzer:innen von Bedeutung ist. Ziel ist das kollektive Lernen aus realisierten Projekten.
Wirkungsforschung existiert bereits in vielen angewandten Disziplinen und gesellschaftlichen Feldern, etwa der Politik, Wirtschaft, Sozialen Arbeit und Pädagogik. Konzeptionalisiert für die Landschaftsarchitektur begreift sie sich als kritische Entwurfsforschung. In der Tradition freiraumsoziologischer Studien ist sie an übergeordneten Prinzipien interessiert, die Freiräume im Alltag lebendig machen und über den Einzelfall hinausweisen.
Um ein umfassendes Verständnis von einem Projekt zu gewinnen, setzt die Wirkungsforschung verschiedene Narrative – Erzählungen über einen Freiraum – zueinander in Beziehung: die Planungsziele (Wettbewerbsausschreibung), das Entwurfsversprechen (Entwurfserläuterung, Publikationen des Büros), die Entwurfsaffirmation durch die Fachcommunity (Jury-Protokoll), die Wahrnehmung und Nutzung des Freiraums mehrere Jahre nach seiner Eröffnung, die Erfahrungen aus der Pflege und Unterhaltung (Grünflächenamt) sowie die mediale Rezeption. Erhoben werden diese Perspektiven mit Methoden der empirischen Sozialforschung.
Zugehörige Publikation:
Constanze A. Petrow (2018): Vom Entwurfsversprechen zum städtischen Freiraum als Alltagsort. Konzept für eine empirische Wirkungsforschung in der Landschaftsarchitektur. In: Ammon, Sabine; Baumberger, Christoph; Neubert, Christine; Petrow, Constanze A. (Hrsg.): Architektur im Gebrauch. TU Berlin, depositonce.tu-berlin.de/bitstream/11303/6511/3/architektur_im_gebrauch.pdf, S. 214-231
II Forschungsprojekt
Wirkungsforschung. Erprobung einer Methodik zur Evaluierung städtischer Freiraumgestaltungen
Laufzeit: August 2017 bis Juli 2020
Förderer: Forschungsförderung der Hochschule Geisenheim
Beteiligte: Prof. Dr. Constanze A. Petrow, Prof. Dr. Grit Hottenträger, Karla Kraus, Linda Wilhelm, Anastasiya Christ
Im Sinne des oben genannten Ansatzes wurde im Forschungsprojekt die Methodik für eine Wirkungsforschung in der Landschaftsarchitektur erprobt. Untersucht wurden drei Quartiersfreiräume: der Oerliker Park in Zürich sowie der Arnulfpark und der Bahndeckel in München. Im Falle des Oerliker Parks handelt es sich um eine Ikone der europäischen Landschaftsarchitektur der Jahrtausendwende.
Neben den methodischen Erfahrungen gab es folgende Kernerkenntnis: Es gibt eine Art eigenen Entwurfsmaßstab, dessen sorgsame Behandlung darüber entscheidet, ob ein Quartiersfreiraum alltagstauglich ist und gut genutzt wird. Wir bezeichnen ihn als Social Scale. Seine Bearbeitung ist zwischen Konzept und Detail angesiedelt. Die Arbeit in diesem Maßstab umfasst die genauen Abwägungen über räumliche Dimensionen, Distanzen, Positionierungen und Ausstattungen. Ergänzend zum Human Scale (Jan Gehl), der sich auf das Verhältnis zwischen Städtebau und den psychologischen Bedürfnissen der Menschen bezieht, beschreibt der Social Scale freiraumbezogene Qualitäten, die leistungsfähige Sozialräume entstehen lassen. Als eigener Entwurfsmaßstab lässt er sich begreifen, weil er eine räumliche Dimension hat und sorgfältig entworfen werden muss, damit sich in einem Freiraum ein reiches Leben entfaltet.
Im Alltag der Menschen zählt jede einzelne entwurfliche Entscheidung. Nahezu alle Ausstattungs- und Materialentscheidungen haben Auswirkungen auf die Nutzungsintensität und Beliebtheit eines Freiraums. Als besonders wirkmächtig erwiesen sich
Intensive Alltagsnutzung ist eine bewusst zu entwerfende Qualität. Sie setzt Interesse an der Nutzerperspektive voraus – dafür, was es bedeutet, einen Freiraum häufig zu besuchen, sich dort lange aufzuhalten und dabei genügend Dinge vorzufinden, die man tun und erleben kann.
Zugehörige Publikation:
Constanze A. Petrow (2022): Social Scale. Entwerfen zwischen Konzept und Detail. Stadt+Grün Heft 2, S. 23-28
III Wissenschaftliches Netzwerk der DFG: Wirkungsforschung in Architektur und Städtebau: Interdisziplinäre Theorien und Methoden (WAS)
Laufzeit: 2022 bis 2026
Förderer: Deutsche Forschungsgemeinschaft
Homepage: www.was-netzwerk.de
Das Netzwerk „Wirkungsforschung in Architektur und Städtebau: Interdisziplinäre Theorien und Methoden“ (WAS) beschäftigt sich mit den Wirkungen gebauter Umwelt. Es leistet Definitionsarbeit und bündelt disziplinär verstreutes Wissen, das sich jeweils auf bestimmte Wirkungsfelder fokussiert: auf die bewussten und unbewussten Wahrnehmungen der gebauten Umwelt, individuelle und kollektive Verhaltens- und Nutzungsmuster sowie auf Effekte, die Architektur, Städtebau und Landschaftsarchitektur entfalten. Damit grenzt das Netzwerk sein Arbeitsinteresse von den deutlich mehr beforschten entwurflichen Intentionen von Architekt:innen und Planer:innen ab. Innerhalb der Projektlaufzeit werden unterschiedliche Wirkungsverständnisse in einem integrierten Konzept zusammengeführt.
IV Öffentlich wirksamer Raum
Das Modell vom Öffentlich wirksamen Raum fußt auf einer theoretischen Auseinandersetzung an der Schnittstelle von Freiraumplanung und Volkswirtschaftslehre.
Öffentlich wirksamer Raum ist mehr als öffentlicher Raum. Er entsteht in den Überlappungszonen von öffentlichem Raum, Clubraum und privatem Raum. Die Öffentlichkeit nimmt diesen Raum wahr, nutzt ihn und erfährt dessen Wirkungen sowie externe Effekte – positive wie negative. Überlappungszonen bergen Konfliktpotenzial; vielfach aber tragen sie zu einer geselligeren, schöneren, grüneren Stadt bei, zu lebendigen Nachbarschaften und attraktiven Innenstädten. Es sind Räume, die innerhalb einer vielfältigen Gesellschaft Gemeinschaft fördern und Zusammenhalt stiften, die Gründe geben zu bleiben und sich im öffentlichen Raum aufzuhalten.
Das Modell lenkt den Blick auf die Co-Produktion von städtischen Qualitäten, auf Gewinne und Verluste als Resultat räumlicher Überlappung. Es geht nicht von Eigentumsverhältnissen, sondern von der Erstellung und Nutzung der Räume aus. „Nutzung“ kann dabei auch eingeschränkt sein – einen Vorgarten kann man nicht betreten, aber man kann sich an ihm erfreuen.
Für die Stadt- und Freiraumentwicklung impliziert das Modell vom Öffentlich wirksamen Raum, Stadträume nicht isoliert zu betrachten, sondern die Überlappungszonen stets mitzudenken, die Verschränkung von Räumen zu fördern, das Mitmachen zu ermöglichen, kollektive Kreativität zu mobilisieren und Synergien herzustellen.
Zugehörige Publikationen:
Constanze A. Petrow, Wilhelm Spatz (2025a): Öffentlich wirksamer Raum. Über eine zunehmend relevante Praxis städtischen Gärtnerns. Stadt+Grün Heft 3, S. 46-51
Constanze A. Petrow, Wilhelm Spatz (2025b): Räume von ihren Wirkungen aus denken. Wie öffentlicher Raum, Clubraum und privater Raum zusammenarbeiten. Stadt+Grün Heft 12, S. 24-29
Dokumente
Die Publikation „Öffentlich wirksamer Raum“ erläutert das Konzept anhand verschiedener gärtnerischer Praktiken in Städten. Privatpersonen begrünen und pflegen Flächen mit Bezug zu ihren Wohnungen oder Läden. Diese entfalten eine positive Wirkung für die Allgemeinheit – es entsteht öffentlich wirksamer Raum.
Die Publikation „Räume von ihren Wirkungen aus denken“ nimmt die Überlappungszonen von öffentlichem Raum, privatem Raum und Clubraum in den Blick, stellt das zugrunde liegende Konzept vertiefend dar und illustriert es anhand von Sitzangeboten in städtischen Räumen.
Die Beispiele „Gehweg Berlin“ und „Grünfläche am Fernsehturm Berlin“ zeigen, wie man mit dem Konzept des öffentlich wirksamen Raumes eine beliebige städtische Situation mittels Bildanalyse durch KI interpretieren und bewerten kann.


