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Corona jetzt auch noch am Feierabend: in Gastvorträgen zu den Auswirkungen der Pandemie auf Lebensmittelwirtschaft und Gartenbau

© Prof. Dr. Kai Sparke

Warum waren Tafeltrauben aus Übersee im Frühjahrs-Lockdown 2020 verfügbar, aber Toilettenpapier nicht? Wie sind Unternehmen aus Gemüse- oder Zierpflanzenbau durch das Corona-Jahr gekommen? Antworten gab es für Studierende der Studiengänge Gartenbau (B.Sc.) sowie Lebensmittellogistik und -management (B.Sc.) der Hochschule Geisenheim Anfang dieses Jahres im Rahmen von Online-Feierabend-Vorträgen. Bis zu 40 Interessierte nahmen jeweils am Austausch mit den Experten teil.

Am 21. Januar 2021 war Robert Luer, M.Sc., Leiter des Zentrums für Betriebswirtschaft im Gartenbau (ZBG), aus Hannover zugeschaltet. Hauptaufgabe des ZBG ist seit über 60 Jahren der Gartenbau-Betriebsvergleich, aber im vergangenen Jahr hat sich das Team auch mit der ökonomischen Analyse der Corona-Pandemie beschäftigt. Auf Basis von Expertenbefragungen und Halbjahresbilanzvergleichen der Jahre 2019 und 2020 konnte ein überwiegend positives Bild gezeichnet werden, wenngleich es auch unschöne Flecken aufweist. So hatten etwa Gemüsebaubetriebe, die an Großverbraucher und Gastronomie liefern, ihre Ernte gestoppt und Umsatzeinbrüche von bis zu 100 Prozent zu verkraften. Ähnlich ging es der Schnittblumenbranche, da wichtige Geschäfte mit Firmen- und Privatevents wegbrachen.

Ausgesprochen gut lief es entlang der Wertschöpfungsketten zum Endverbraucher, also über Gartencenter und Supermärkte oder die Direktvermarktung. So konnte der Zierpflanzensektor im Halbjahresvergleich im Umsatz um 10 bis 20 Prozent zulegen und das Reinergebnis (nach Abzug barer und kalkulatorischer Aufwendungen) in etwa verdoppelt werden. Allgemeine Erfolgsfaktoren waren laut Luer Kreativität und Flexibilität im Geschäftsmodell, Zusammenhalt in der Belegschaft und unter Geschäftspartnern sowie eine konsequente Nutzung digitaler Werkzeuge, zum Beispiel in Beschaffung und Vertrieb sowie der Kundenkommunikation.

Nachhaltiger Nutzen für die Gartenbau-Branche könnte sich aufgrund der gesteigerten Wertschätzung der Produkte, der regionalen Herkunft und der Tatsache ergeben, dass sich aus dem Hobby-Gärtnern in Lockdown-Zeiten eine besondere Befriedigung ziehen lässt.

Eine Woche später berichtete Johannes Sommermeier, Leiter Logistik der ALDI SÜD Regionalgesellschaft Bingen. ALDI SÜD ist mit 28 eigenständigen Regionalgesellschaften und rund 1.900 Filialen in Süd- und Westdeutschland vertreten. Zur Regionalgesellschaft Bingen zählen 63 Filialen, darunter auch jene im Rheingau und in Rheinhessen.

Sommermeier ist Dipl.-Betriebswirt (FH) mit dem Schwerpunkt Marketing und Handelsmarketing, seit 1994 bei ALDI SÜD, und für ihn gab es seitdem noch kein „langweiliges“ Jahr, da beispielsweise immer neue Projekte oder Wachstumsschritte anstanden. Aber kein Jahr war so aufregend wie 2020; natürlich wegen der Corona-Pandemie. Im März schien es kurzzeitig so, dass sich zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg Versorgungsängste breitmachen könnten. ALDI als wesentlicher Einzelhandelsakteur war entsprechend gefordert, um mit Hamsterkäufen und Ersatzkonsum für den Wegfall der Gastronomie zurecht zu kommen. So wurden beispielsweise Warenbestände wichtiger Produkte bewusst hochgefahren, um Out-of-Stock-Situationen bei unkalkulierbarer Nachfrage bestmöglich zu vermeiden. Andere eher unwichtige Sortimentsbereiche wurden hingegen für einige wenige Tage auch spärlicher bedient. Temporäre Aushilfskräfte durch eine Personalpartnerschaft mit Mc Donald‘s, Fuhrparkkapazitäten der HAVI Logistics GmbH und neue Lieferanten wurden hinzugewonnen, um die Warenmengen und Arbeitslast zu bewältigen, und es stand auch mal ein eigens organisierter Pasta-Sondertransport aus Italien an. Bei Obst und Gemüse als gartenbaulichen Produkten war dank offener Grenzen für den Warenverkehr und Sondereinreiseregelungen für Erntekräfte die Versorgung durchgehend gegeben, allerdings zu spürbar höheren Preisen. Das alles musste unter besonderen Schutzvorkehrungen für das Personal in Logistik, Verwaltung und Filialen passieren, schließlich gibt es im Lebensmittel-Einzelhandel unzählige Kundenkontakte.

Dem Publikum der Veranstaltung und der Leserschaft dieses Beitrags war oder ist natürlich klar, dass der Lebensmitteleinzelhandel die Lockdown-Phase wirtschaftlich sehr gut überstanden hat, wenngleich mit erheblichen Anstrengungen. Und so berichtet Sommermeier auch vom gesellschaftlichen Engagement im Frühsommer, beispielsweise einer Pop-Up-Filiale auf dem Gelände der Frankfurter Uniklinik für die dortigen Beschäftigten oder Aktionen im Rahmen diverser Nachbarschaftsprojekte wie nebenan.de., wirgegencorona.com oder „kochenfürhelfer“ in Mainz.

Durch die Erfahrungen aus dem März und April war der Lebensmitteleinzelhandel auf die zweite Welle im Spätherbst vorbereitet, so dass es keine Meldungen über ausverkauftes Toilettenpapier mehr gab.

Gesamtfazit: Bislang sind Lebensmittelwirtschaft und Gartenbau ganz gut durch die Corona-Pandemie gekommen – gegessen und gegärtnert wird anscheinend immer. Aber schon richten sich die Blicke darauf, ob der grüne Einzelhandel rechtzeitig für die Frühlingssaison wieder öffnen darf.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Kai Sparke

Kategorien: Logistik und Management Frischprodukte (B.Sc.), Gartenbau (B.Sc.), Frischproduktlogistik, Nachrichten

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