Praxisprojekt AmBiTo analysiert, von welchen Biodiversitätsmaßnahmen Umwelt und Weinbau gleichermaßen profitieren können

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Praxisprojekt AmBiTo analysiert, von welchen Biodiversitätsmaßnahmen Umwelt und Weinbau gleichermaßen profitieren können

© PD Dr. Karsten Mody

Für biodiversitätsfördernde Maßnahmen gibt es kein Schema F. Ihr Einsatz muss den individuellen Umwelt- und Produktionsbedingungen gleichermaßen Rechnung tragen. Gemeinsam mit 34 Modellbetrieben und dem Nachhaltigkeits-Zertifizierer Fair and Green e. V. entwickeln die Forschenden der Institute für Angewandte Ökologie sowie für Naturschutz und Landschaftsplanung der Hochschule Geisenheim im Rahmen des vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Projekts AmBiTo deshalb einen modularen Werkzeugkoffer und ein digitales Toolkit mit Biodiversitätsmaßnahmen.

Biodiversität bedeutet Artenvielfalt, genetische Vielfalt und Vielfalt der Ökosysteme. Je höher die Biodiversität eines Ökosystems, desto robuster ist dieses gegenüber Umweltveränderungen, denn jede einzelne Art erfüllt eine bestimmte Rolle im natürlichen Kreislauf. Vor allem durch Rebflurbereinigungen, die heute praktizierte Nutzungsintensität im Weinbau und zunehmend auch die Auswirkungen des Klimawandels wie extreme Trockenheit und Starkregenereignisse wurden und werden zahlreiche Pflanzen- und Tierarten aus den Weinbergen verdrängt. Damit verschwinden auch ihre Dienstleistungen für das Ökosystem – mit gravierenden Folgen für die Bewirtschaftung: Ein Ausfall von Nützlingen kann beispielsweise Massenvermehrungen von Schädlingen begünstigen.

Vor diesem Hintergrund – und mit Blick auf die weiteren negativen Auswirkungen des Verlustes von Biodiversität auf den Weinbau und die durch ihn geprägten Landschaften – ist das Projekt AmBiTo 2020 gestartet. Im ersten Jahr erfolgte die Identifikation von Modellflächen, auf denen erste Maßnahmen umgesetzt wurden, sowie der Kontrollflächen, um langfristig die Wirkung der Maßnahmen vergleichen zu können. Im zweiten Jahr begann die Gestaltung von Demonstrationsweinbergen, auf denen idealtypische Biodiversitätsmaßnahmen anschaulich umgesetzt werden. Dabei eröffnet insbesondere die lange Standzeit der Reben die Möglichkeit, auch langfristige Biodiversitätsmaßnahmen zu etablieren.

Die Hochschule selbst hat damit begonnen, Teile ihrer eigenen Weinbergsflur beispielsweise durch die Pflanzung von Bäumen und Sträuchern lebendiger zu gestalten. Dabei greift sie mit Unterstützung von Hessenforst, des Forstamts Rüdesheim und der Revierförsterei Geisenheim auf Pflanzmaterial aus den umliegenden Wäldern zurück; die Jungpflanzen sind gut an die regionalen Klima- und Bodenverhältnisse angepasst. Vögel und Insekten können dann künftig von Feldahorn, Hainbuche, Weißdorn und Co. profitieren, weil ihnen diese Schutz und Nahrung bieten. Von den strukturreichen Rebflächen und deren Bewohnern profitieren im Gegenzug auch die Winzerinnen und Winzer: So ernähren sich zum Beispiel fast alle Vogelarten mindestens zur Brutzeit von Insekten und können damit Gegenspieler für Schädlinge im Weinbau sein.

Bodennahe artenreiche Begrünung und deren angepasste Pflege ist im Weinbau inzwischen salonfähig – und kann ein zusätzliches Argument sein, um Gäste in die Weinbauregionen zu locken und damit auch die Absatzmöglichkeiten für die Weingüter zu erweitern. Studien zeigen, dass vielfältige und abwechslungsreiche Agrarlandschaften als ästhetisch ansprechender wahrgenommen werden als monotone Landschaften. Strukturreichtum fördert die Artenvielfalt, was wiederum die Menschen zufriedener macht. Die Weinbaubetriebe selbst, das zeigt eine aktuelle Befragung der Hochschule Geisenheim, erkennen diesen Mehrwert für den Tourismus und ihre Rolle als Landschaftspflegerinnen und -pfleger in diesem Kontext an.

Fast alle der 52 im Projekt AmBiTo befragten repräsentativen produzierenden Betriebe aus den 13 Anbaugebieten sehen demnach einen positiven Zusammenhang zwischen Biodiversität und Tourismus in deutschen Weinregionen. Eine besondere Rolle spielen ihrer Einschätzung nach handwerklich geprägte Weinberge wie beispielsweise historische Terrassenanlagen; diese sind einerseits touristischer Anziehungspunkt und vermittelten den Gästen andererseits einen sehr guten Eindruck vom Pflegeaufwand besonderer Weinbergslagen. Und genau diese handwerklichen, terrassierten Lagen wiederum sind besonders förderlich für die biologische Vielfalt.

Wie das spätere AmBiTo-Toolkit ist auch die Begleitforschung ein vielfältiges Mosaik, das den verschiedenen Ansprüchen der weinbaulichen Betriebe gerecht werden will und muss. Die jüngste Befragung macht indes Hoffnung, dass die Ergebnisse des Projekts einen zügigen Transfer in die Praxis erfahren werden: Neben ihrer Selbstwahrnehmung als Landschaftspflegerin oder -pfleger glaubt der Großteil der Befragten auch, dass die biologische Vielfalt im Weinbau leichter umzusetzen ist als bei der Erzeugung anderer landwirtschaftlicher Produkte.

Gefördert wird AmBiTo im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV). An der Hochschule Geisenheim sind Prof. Dr. Ilona Leyer, Prof. Dr. Eckhard Jedicke, PD Dr. Karsten Mody und Dr. Max Tafel an dem Projekt beteiligt.

Kategorien: PRAXIS, Landschaftsplanung und Naturschutz, Angewandte Ökologie, Nachrichten

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