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Lebensmittel-Logistik in Zeiten der Corona-Pandemie

Bildquelle: Hochschule Geisenheim/Filmagentur Rheingau

Während andere Branchen aktuell Kurzarbeit beantragen müssen, haben der Lebensmittelhandel und die damit verbundene Logistik alle Hände voll zu tun.

Handelsexperte Prof. Dr. Andreas Holzapfel, Professor für Logistikmanagement an der Hochschule Geisenheim, gibt im Interview Antworten auf die Versorgungssicherheit und den respektvollen Umgang im Supermarkt.

Herr Prof. Dr. Holzapfel, vor kurzem haben Sie zusammen mit Ihrer Mitarbeiterin Elisabeth Obermair und Prof. Dr. Heinrich Kuhn von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt eine Studie veröffentlicht, die sich mit den besonderen Herausforderungen in Spitzenzeiten für die Lebensmittellogistik im Einzelhandel vor Feiertagen beschäftigt.

Ist die Lebensmittelbranche denn auch für eine Versorgung der Bevölkerung vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie gerüstet? 

Ja! Die Versorgung ist gewährleistet. Es benötigt eben nur etwas Zeit, bis die Regale wieder gefüllt sind. Denn mit der zusätzlichen Nachfrage, die auch nur ganz bestimmte Warengruppen und Preissegmente betrifft, z. B. Hartweizenprodukte, wie Nudeln, Konserven und Hygieneartikel, konnte der Handel vorab nicht rechnen. Das unterscheidet die aktuelle Situation vom Feiertagsgeschäft. Hier kann der Handel z. B. an Weihnachten und Ostern auf Erfahrungswerte aus der Vergangenheit zurückgreifen und sich ganz gezielt vorbereiten.

Die logistischen Prozesse sind sehr fein aufeinander abgestimmt und einjustiert, um Kundinnen und Kunden bei normaler Nachfrage die vielen unterschiedlichen Produkte mit hoher Verfügbarkeit und vor allem zu akzeptablen Preisen anbieten zu können. Treten aber derartig kurzfristige und extreme Nachfragespitzen auf wie aktuell, dann dauert es eben eine gewisse Zeit, bis die besonders gefragten Produkte vom Lieferanten, über die Zentral- oder Regionallager an die Märkte wieder ausgeliefert werden. Ein Warenverteilzentrum eines Lebensmittelhändlers hat auch nur eine gewisse Tageskapazität zur Kommissionierung, zur Ein- und Auslagerung sowie zum Transport der Produkte zur Verfügung. Wenn jetzt mehr nachgefragt wird, müssen sich die Nachfüllaufträge der Märkte in die Warteschlange einreihen und es benötigt etwas Geduld dafür. Die Produkte sind aber grundsätzlich verfügbar. Entweder liegen sie beim Lieferanten oder bereits im Verteilzentrum des Handels. Der Nachschub wird klappen – keine Sorge!

Was sind aktuell die größten Herausforderungen der Lebensmittellogistik? Auf was muss besonders geachtet werden?

Es darf nicht dazu kommen, dass einzelne Märkte über Wochen keine Hartweizenprodukte und/oder Hygieneartikel erhalten und andere überversorgt werden. Das heißt insbesondere, dass auf Fairness geachtet werden muss und die sehr stark nachgefragten Produkte auf die einzelnen Märkte aufgeteilt werden müssen, so dass alle Regionen und Märkte gleichermaßen berücksichtigt werden.

Zentral- und Regionallager des Handels sind sehr wichtige Knotenpunkte im Warenfluss zu den Märkten und müssen deshalb unbedingt arbeitsfähig gehalten werden. Es bestehen daher extrem hohe Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen in den Verteilzentren. Ausfallszenarien von Mitarbeitenden durch Krankheit oder ganzer Verteilzentren sollten simuliert werden. Es sollte also im Rahmen der Pandemiepläne die Frage geklärt werden, welches Verteilzentrum im Notfall für ein anderes einspringen kann.

Zum Teil werden sonntags Waren an die Märkte ausgefahren, jedoch ist das nicht bei allen Märkten möglich, da zur Warenannahme auch die Mitarbeitenden in den Märkten verfügbar sein müssen. Dies stellt sich ggf. bei zunehmender Ausbreitung der Pandemie als schwierig dar. Während andere Branchen Kurzarbeit beantragen, hat der Lebensmittelhandel kurzfristigen Mehrbedarf an Mitarbeitenden. Hier finden bereits Abstimmungen zur befristeten Übernahme und/oder Ausleihe von Logistikmitarbeiterinnen und -mitarbeitern aus anderen Branchen statt.

Außerdem führt das aktuelle Schließen der Restaurants am Abend definitiv zu einem erhöhten Zu-Hause-Konsum. Hinzu kommt, dass Prognosen erstellt werden müssen, welche Warengruppen oder Produkte zu Hause tatsächlich mehr konsumiert und welche Warengruppen oder Produkte zu Hause hauptsächlich deponiert, aber nicht konsumiert werden. Hier gibt es aktuell noch keine Erfahrungswerte.

Zusätzlich werden die Mitarbeitenden in den Märkten gefordert, sei es durch Panik-Käufe oder Übergriffe von ungeduldigen Kundinnen und Kunden. Diesen muss adäquat begegnet werden, ohne dass die geduldigen und verständnisvollen Kundinnen und Kunden während des Einkaufs beeinträchtigt werden.

Weisen leere Regale auf einen Produktmangel hin?

Es benötigt einfach eine gewisse Zeit, bis die Regale wieder gefüllt werden können, deswegen sind leere Regale in der aktuellen Situation meist kein Hinweis auf einen längerfristigen Produktmangel, sondern eher auf einen akuten, kurzfristigen Kapazitätsmangel in Produktion und Logistik. So werden manche Filialen auch nur einmal pro Woche beliefert. Wenn aber bei einem Produkt die Tagesnachfrage die ansonsten übliche Nachfrage von zwei Wochen erreicht, dann ist das Regal eben u. U. nur einen halben Tag gefüllt und an den weiteren fünf Verkaufstagen leer.

Müssen sich die Menschen dennoch auf Engpässe einrichten?

Mangel wird es im Lebensmittelbereich ggf. nur bei einigen wenigen Produkten geben. Diese können aber in der Regel durch andere Produkte ersetzt werden. Es bestehen keine besonderen Gründe, Mengen zu bevorraten, die über einem normalen Vorrat liegen, den man ohnehin immer zuhause haben sollte. Selbst bei derzeit kritischen Warengruppen, wie Desinfektionsmitteln, rechne ich mittelfristig mit Entspannung.

Welche Tipps können Sie uns als Kundinnen und Kunden geben, wie wir uns in dieser Sondersituation verhalten sollten? 

In dieser angespannten Situation gilt es anzuerkennen, dass die Mitarbeitenden im Lebensmittelhandel und in den Drogerien zurzeit eine wesentliche Versorgungsleistung für uns alle erfüllen – und dies im internationalen Vergleich mit sehr effizienten Logistiksystemen. Mit dieser Kenntnis besteht kein Grund zu Hamsterkäufen, selbst wenn kurzzeitig manche Produkte vergriffen sind. Eine notwendige Distanz zu Verkäuferinnen und Verkäufern sowie zu anderen Kundinnen und Kunden gehört sicherlich auch zum respektvollem Umgang im Supermarkt. Im Idealfall sollte auch mit Karte bezahlt werden, um den Bargeldaustausch zu minimieren.

Das Interview führte Tina Kissinger 

 

Weitere Information zu den Studien von Prof. Dr. Holzapfel, seinem Institut für Frischproduktlogistik sowie dem Studium Lebensmittellogistk und -management (B.Sc.) in Geisenheim finden Sie unter:

http://www.lebensmittellogistik.org

http://www.hs-geisenheim.de/forschung/institute/frischproduktlogistik/ueberblick-institut-fuer-frischproduktlogistik/

http://www.hs-geisenheim.de/lebensmittellogistik-und-management-bsc/

 

 

 

Kategorien: STUDIUM, Logistik und Management Frischprodukte (B.Sc.), HOCHSCHULE, Presse und Kommunikation, FORSCHUNG, Projekte, Frischproduktlogistik, Nachrichten

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