Entwicklung in der Lehre in Geisenheim in den letzten 140 Jahren


Die nachfolgend angeführten älteren Informationen basieren vor allem auf der Festschrift von Prof. Dr. Paul Claus zum 100-jährigen Jubiläum der Lehr- und Forschungsanstalt Geisenheim, in der eine Vielzahl alter Quellen ausgewertet wurde (Claus, 1972). Die Informationen zu Ereignissen um die Gründung der Fachhochschulen sind dem Buch von Prof. Dr. h.c.mult. Clemens Klockner (Klockner, 2012) entnommen.


Gründerzeit bis zum Ende des ersten Weltkriegs (1872-1918)


Fast zeitgleich mit der Gründung der damals „Königlich Preußischen Lehranstalt für Obst- und Weinbau“ am 09.08.1871 wurden in den Statuten der Lehranstalt drei Aufgaben in der Ausbildung übertragen. In einem „höheren Lehrgang“ mit zunächst vier Semestern sollten „Zöglinge“ aufgenommen werden, welche die Reife „für die Sekunda eines Gymnasiums“ oder „einer Realschule erster Ordnung“ erlangt hatten. Im Gegensatz dazu dauerte der Lehrgang für Schüler der praktischen Gärtnerei (Mindestalter 16 Jahre) nur ein Jahr. Auch diese Schüler sollten am theoretischen Unterricht teilnehmen, die Ausbildung aber überwiegend praktischer Art sein. Als dritte Aufgabe wurden Kurzlehrgänge für Hospitanten ausgewiesen, wobei es sich hierbei um Unterweisung der „im Beruf Stehenden“ sowie der Schulung der „Baumwärter“ und Lehrer handelte, im Prinzip ein Beispiel für berufsbegleitende Studienmöglichkeiten von heute.


Der Lehrplan in den höheren Lehrgängen war bereits sehr umfassend und wies Botanik, Chemie, Physik, Zoologie, Mineralogie, und Mathematik als „begründende Fächer“ aus. Zu den Hauptfächern wurden damals Allgemeiner Pflanzenbau, Obstkultur, Obstbaumzucht, -schnitt und -pflege, „Obstreiberei“, Topfbaumzucht, Obstkenntnis und Obstnutzung, Weinbau, Rebkultur, Rebenzucht, Traubenkenntnis, Weinbereitung und Weinbehandlung, Gemüsebau, „Gemüsetreiberei“, Landschaftsgärtnerei und Gehölzzucht, Plan- und Freihandzeichnen, Feldmessen und Nivellieren gezählt. Nebenfächer waren Gärtnerische Buchführung, Bienenzucht und Seidenbau.


Der Unterricht startete am 19.10.1872 mit sechs „Eleven“ (zunächst sprach man von „Eleven“, ab 1920 von „Hörern“ (d. h. Studierende)). Zunächst ging die Entwicklung der Schüler- und Studierendenzahlen nur schleppend voran, was vorwiegend auf Personalschwierigkeiten zurückgeführt wurde. Eine erste Reorganisation der Lehre wurde bereits 1881 vorgenommen, das Fächerspektrum erweitert und das bereits bestehende Internat für Studierende und Schüler ausgebaut. Schon bald erkannte man, dass das Fachangebot in den Bereichen Obstbau, Gartenbau, Weinbau und Weinbereitung sowie Landschaftsgärtnerei (Gartenkunst) eigentlich zu breit war. Im Jahr 1884 kam es deshalb zu einer Aufgliederung in dem 2-semestrigen Lehrgang. So wurden eine Obst- und Gartenbauklasse und eine Obst- und Weinbauklasse geschaffen. Im Jahr 1901 wurde diese Unterteilung auch in den „höheren Lehrgängen“ eingeführt. Ab 1912 wurde ein getrennter Lehrgang mit den Inhalten Gartenkunst, Gartenarchitektur und Landschaftsgärtnerei ausgewiesen. Bis zum ersten Weltkrieg stieg die Gesamtzahl an „Hörern“ und Schülern auf 80-90 pro Jahr. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich seit der Gründung die sich an die Praxis wendenden Kurzlehrgänge zur Fortbildung, die 1 bis 4 Wochen dauerten und pro Jahr ca. 200 Teilnehmer nach Geisenheim lockten.


Ab 1907 konnte man eine zweite staatliche Fachprüfung ablegen, Voraussetzung war die erfolgreiche Teilnahme am 4-semestrigen Lehrgang und eine Praxiszeit von sieben Jahren, davon drei nach dem Studium. Bedingt durch den Ersten Weltkrieg stellte die Schule von 1915-1919 ihren Unterricht ein.


Vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs (1919-1945)


Nach Beendigung des Krieges wurde die Ausbildung im April 1919 wieder aufgenommen und nachfolgend Lehrpläne und Prüfungsmodalitäten angepasst. 1920 wurde im Interesse der Gleichstellung der technischen und wissenschaftlichen Lehrer vorgeschlagen, von den Absolventen der höheren Lehranstalten pädagogische Fähigkeiten zu fordern und so wurde im gleichen Jahr ein spezielles 5. Semester angeboten, um Kandidaten für das Lehramt an Schulen des Wein-, Obst- und Gartenbaus vorzubereiten und sie in die Wirtschaftsberatung einzuführen. Die Bezeichnung auf den Abschlusszeugnissen änderte sich 1921 zum „staatlich geprüften Techniker“. Nach dem zweiten Staatsexamen durfte man sich „staatlich diplomierter Garten-, Obst-, oder Weinbauinspektor“ nennen.
Bereits 1927 forderte der damalige Direktor Prof. Dr. Franz Muth ein 6-semestriges Studium und die Umwandlung in eine Hochschule! Ab 1930 wurde im Rahmen der Ausbildung der weitergehenden Spezialisierung Rechnung getragen. Im höheren Lehrgang konnte zwischen fünf Fachrichtungen gewählt werden: Weinbau, Obstbau, Gemüsebau, Gartenbau und Gartentechnik (Gartenkunst). Beim Schülerlehrgang bestanden zwei Optionen: Wein- und Obstbau sowie Obst- und Gartenbau.


Ab 1934 gab es Bestrebungen, Lehre und Forschung in Geisenheim zu trennen. Die ersten Anzeichen waren die Einstellung des 2-semestrigen praktischen Lehrgangs 1935 und das Auslaufen der pädagogischen Ausbildung 1938. Es gab weiter Überlegungen, die Lehre der Fachrichtungen Gartenbau und Gartengestaltung nach Frankfurt zu verlegen, im Falle der Gartengestaltung war auch Stuttgart im Gespräch, beim Weinbau wurde über die Standorte Colmar oder Trier diskutiert. Der Ehemaligen-Verband wehrte sich vehement gegen diese Pläne und hatte letztlich im Jahr 1943 Erfolg. Zwischen 1941 und 1946 fand kriegsbedingt keine Ausbildung statt.
Nachkriegszeit bis heute (1946-2013)
Der Wiederaufbau resultierte ab 01.04.1946 mit einem Angebot von vier Studienrichtungen: Weinbau und Kellerwirtschaft, Obst- und Gemüsebau, Zierpflanzen und Gemüsebau sowie Gartengestaltung. Vor allem in den gartenbaulichen Bereichen gab es zunächst hohe Studierendenzahlen (Abb. 1 unten). Ab 1950 gab es wieder Diskussionen darüber, ob in Geisenheim eine Garten- und Weinbauhochschule einzurichten wäre. Am 04.04.1960 wurde das 6-semestrige Studium eingeführt, damit erhielt Geisenheim den Status einer Ingenieurschule und die Bezeichnung des Abschlusses wurde in „Ingenieur“ abgeändert. In dieser Zeit lagen die Studierendenzahlen in den gartenbaulich-orientierten Studiengängen über denen der Fachrichtung Weinbau und Kellerwirtschaft. Als Zugangsvoraussetzungen für ein Studium wurden mindestens Realschulabschluss und vier Jahre Praxis – für Abiturienten drei Jahre Praxis – gefordert.


Ab 1962 arbeitete der 1957 gegründete Wissenschaftsrat an Empfehlungen für Lehre und Forschung im Agrarbereich und votierte für eine Konzentration der Forschung an den Hochschulen. Die Agrarministerkonferenz von 1969 sprach Geisenheim aber einen Schwerpunkt in der Weinbauforschung zu. Die allgemein steigende Tendenz, ein Studium zu beginnen, aber auch ausgewiesene Forscher und Lehrpersönlichkeiten und nicht zuletzt das große Angebot, über Tagungen die Praxis nach Geisenheim zu holen, gab der Nachfrage nach Studienplätzen ab 1968 einen deutlichen Schub (Abb. 1). So stieg die Studierendenzahl zwischen 1968 und 1970 von 281 auf 436, was zum Teil auch auf den neu eingeführten Studiengang Getränketechnologie zurückzuführen war.


Ein Einschnitt waren die Fachhochschulgesetze, die am 01.08.1971 in Kraft traten und Lehre und Forschung nach fast 100 Jahren Gemeinsamkeit in Geisenheim trennte und die Ausbildung an der damaligen Fachhochschule Wiesbaden ansiedelte. Die Zeit danach war auch organisatorisch nicht ganz unproblematisch (es gab noch einen gemeinsamen Haushalt), aber der Zuspruch für die Geisenheimer Studiengänge blieb davon eher unberührt, so dass die Studierendenzahlen – vor allem in Weinbau und Kellerwirtschaft – bis Mitte der 80er Jahre weiter anwuchsen. Danach machte sich die Krise in der Weinwirtschaft bemerkbar (u. a. ausgelöst durch den Zucker- und Glykolskandal). Die Studierendenzahlen gingen zurück und erlebten erst Mitte der 90er Jahre einen erneuten Aufschwung, der bis heute fast ungebrochen ist. Der zeitweise aufgetretene Rückgang im Bereich Weinbau wurde teilweise durch hohe Studierendenzahlen im Gartenbau, der Landschaftsarchitektur und auch der Getränketechnologie kompensiert.
Durch die Einführung des Studiengangs „Internationale Weinwirtschaft“ wurde ab 2003 der Tatsache Rechnung getragen, dass Wein ein Produkt unserer globalisierten Welt geworden ist und entsprechend ausgebildete Fachkräfte benötigt wurden. Mit derzeit 192 Studierenden am Campus ist dieser Studiengang eine große „Erfolgsstory“.

Vom universitären Aufbaustudiengang Oenologie zu den heutigen Masterstudiengängen (1982-2013)


Bereits im Jahr 1973 – kurz nach Abtrennung der Lehre zur Fachhochschule Wiesbaden – kam es zwischen der Forschungsanstalt, der Fachhochschule Wiesbaden, der Justus-Liebig-Universität Gießen und dem Kultusministerium zu Besprechungen hinsichtlich eines in Erwägung gezogenen universitären Diplomstudiengangs im Bereich Weinbau und Getränketechnologie (Klockner, 2012). In den folgenden Jahren gab es Pläne, auch die Universität Mainz in eine mehr biologisch-orientierte Studienrichtung innerhalb eines solchen Studiengangs zu beteiligen. Ziel war es, eine „6+4“-Lösung zu schaffen mit dem 6-semestrigen Studium in Geisenheim und einem darauffolgenden 4-semestrigen Aufbaustudiengang. Letztendlich erfolgte 1981 die Einrichtung des universitären Studiengangs „Weinbau und Oenologie“ mit der Universität Gießen, allerdings nur mit Beteiligung der Forschungsanstalt. Die Lehrveranstaltungen für das erste Studienjahr fanden und finden in Gießen, die des zweiten Studienjahres in Geisenheim statt. Der geplante Studiengang mit Mainz kam aus „inneruniversitären Gründen“ (Klockner, 2012) nie zustande, obwohl der Wissenschaftsrat dessen Planung begrüßte. Nach der Begutachtung der Forschungsanstalt im Jahr 1983, forderte der Wissenschaftsrat in seiner Stellungnahme 1984, Forschung und Lehre wieder am Standort Geisenheim in einer eigenständigen Hochschule zu vereinigen.
Der Diplom-Studiengang „Weinbau und Oenologie“ mit Gießen verzeichnete bis 2005 auf niedrigem Niveau stark schwankende Studierendenzahlen (Abb. 2). Erst durch den Bologna-Prozess mit der neuen Einteilung in Bachelor- und Masterstudiengänge und durch die Einführung weiterer Studiengänge mit Geisenheimer Beteiligung stiegen die Studierendenzahlen. Im Jahr 2005 kam der Masterstudiengang „Umweltmanagement in städtischen Ballungsräumen“ hinzu, der allerdings nur mit Beteiligung des Geisenheimer Fachbereichs der 2010 in Hochschule RheinMain umbenannten Fachhochschule stattfand. Ab 2007 wurde dem mit Gießen angebotenen Studiengang Weinbau und Oenologie der Studiengang „Weinwirtschaft“ hinzugefügt. Im gleichen Jahr kamen der internationale Weinbau und Oenologie Masterstudiengang „Vinifera EuroMaster“ hinzu, der mit den Technischen Universitäten Lissabon und Madrid, der SupAgro Montpellier und Bordeaux Science Agro sowie den Universitätskonsortien von Udine und Turin angeboten wird. Zusätzlich wurde der 3-semestrige Master-Studiengang Gartenbauwissenschaften etabliert, der ohne universitären Partner getragen wird. Im Jahr 2010 erfolgte zusammen mit der Justus-Liebig-Universität Gießen die Bildung des Master-Studiengangs Getränketechnologie. Insgesamt führte dies zu einem deutlichen Anstieg der Zahl der Masterstudierenden in Geisenheim.












Abb. 2: Anzahl der eingeschriebenen Studierenden in Masterstudiengängen, die allein oder in Kooperation mit Partnern ganz oder teilweise am Standort Geisenheim angeboten werden.

Die Hochschule Geisenheim (ab 2013)
Die Bildung einer neuen „Hybrid-Institution“, die einerseits fachhochschul-typische Bachelorstudiengänge (derzeit fünf) mit hohem Praxisbezug und andererseits universitär-ausgerichtete Masterstudiengängen (derzeit sechs) miteinander verbindet und über das Promotionsrecht verfügen wird, kann die Attraktivität des Standortes Geisenheim weiter steigern. Allerdings wird die Geisenheimer Weiterentwicklung nur dann positiv verlaufen können, wenn stets stärker werdenden Wettbewerb um Studierende ein qualitativ hohes Ausbildungsniveau mit innovativen neuen Studiengängen verbunden werden kann.


Literatur:
Claus, P.: Geisenheim 1872-1972 – 100 Jahre Forschung und Lehre für Wein-, Obst- und Gartenbau. Verlag Eugen Ulmer, 260 S., 1972.
Klockner, C.: Die Gründungszeit ist schon Geschichte – Eine exemplarische Betrachtung der Vorgeschichte und der Anfangsjahre der Fachhochschule Wiesbaden. Verlag: Hochschule RheinMain, 329 S., 2012.

Entwicklungsgraph