23-2014 - Umweltministerin Priska Hinz besuchte die Hochschule Geisenheim und das Weingut Leitz

Auf Einladung des Rheingauer Weinbauverbandes besuchte die Ministerin des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Frau Priska Hinz, am 28. August 2014 die Hochschule Geisenheim. Gemeinsam mit der Landtagsabgeordneten Petra Müller-Klepper wollte sie sich vor Ort über die Aktivitäten des Lehr- und Forschungsstandortes informieren. Hier wurde die Besuchergruppe vom Präsidenten des Rheingauer Weinbauverbandes Peter Seyffardt und von Prof. Dr. Otmar Löhnertz, dem Vizepräsidenten der Hochschule, begrüßt. 

Im Goethezimmer wurde zunächst bei einer Tasse Kaffee aus der hochschuleigenen, neu errichteten Kaffee-Rösterei die Entwicklung der Hochschule Geisenheim dargestellt und über die Forschungsaktivitäten im Bereich der Umweltforschung informiert. Detaillierte Projektbeschreibungen gab Prof. Löhnertz über die Entwicklung nachhaltiger Produktionsverfahren im Weinbau. Außerdem wurde der Status quo sowie geplante Erweiterungen des Studienangebotes der Hochschule Geisenheim erläutert.

Bei einem Campus-Rundgang wurden der Ministerin anschließend verschiedene Projekte zum Umwelt- und Klimaschutz präsentiert. Prof. Dr. Beate Berkelmann-Löhnertz stellte das Forschungsprojekt „Reduzierung des Fungizideinsatzes im Weinbau durch Applikation von UV C-Licht auf Laubwand und Traubenzone“ anhand des aktuellen Prototyps vor. In diesem Projekt kooperieren mehrere Institute der Hochschule Geisenheim mit der Firma uv-technik meyer gmbh, einem der Marktführer für UV C-Bestrahlungssysteme im Lebensmittelsektor. Dabei steht der intensive Pflanzenschutzmitteleinsatz im Fokus. Fakt ist, dass beim Rebschutz die Fungizide deutlich gegenüber anderen Pflanzenschutzmittelgruppen wie z. B. Insektizide und Herbizide dominieren und auch beim Vergleich mit anderen Kulturen im Spitzenfeld liegen. „Dieser intensive Pflanzenschutzmitteleinsatz kann mit vielen unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sein“, so Berkelmann-Löhnertz. „Dies gilt in erster Linie für den integrierten Weinbau, partiell aber auch für die ökologische Traubenproduktion. Hierbei sind vor allem zu nennen: Rückstände von Pflanzenschutzmitteln im Endprodukt, resistente Stämme der Schadpilze sowie die Anreicherung des Schwermetalls Kupfer im Ökosystem Weinberg“.

Projektziel sei es, mit der UV C-Bestrahlung pathogene Pilze abzutöten, Wirkungen in der Pflanze zu untersuchen, eventuelle Nebenwirkungen der neuen Technologie auf sogenannte Nichtziel-Organismen zu beschreiben und vor allem das Einsparpotential an Fungiziden aufzuzeigen. Im Fokus des Projektes, das vom Land Hessen gefördert wurde, stehen die für den hohen Fungizid-Einsatz im Weinbau verantwortlichen Krankheiten der Rebe wie Echter und Falscher Mehltau sowie die Grauschimmelfäule. „Bei allen drei Pathogenen handelt es sich um polyzyklische Pilze mit sehr hohem Schädigungspotential“, erläuterte Beate Berkelmann-Löhnertz. Erste Ergebnisse zur Einsparung von Fungiziden im Weinbau wurden nach den Vegetationsperioden 2012 und 2013 vorgelegt. Inwieweit eine weitere Reduzierung des Fungizid-Einsatzes möglich ist, wird zurzeit in einem großen Freilandversuch auf den Versuchsflächen des Instituts für Phytomedizin und in einem Pilotbetrieb untersucht. Die Ministerin war von dem Projekt sichtlich beeindruckt und fragte eingehend nach den zu erwartenden Gerätekosten und der Wirtschaftlichkeit der Methode im Vergleich zum chemischen Pflanzenschutz.

In der Diskussion über die Bedeutung des Klimawandels für den Weinbau, insbesondere für den Rheingau, wurde die Geisenheimer FACE-Anlage besucht. Schon vor einigen Wochen hatte die Ministerin das FACE-Projekt der Universität Gießen kennengelernt, hier wurde jetzt das weltweit einmalige „FACE für Spezialkulturen“ vorgestellt. Dafür wurde ein Teilprojekt herausgegriffen, nämlich das Promotionsvorhaben von Antje Berlebach. Die Doktorandin führt Untersuchungen zum Stickstoffhaushalt von Reben durch, insbesondere befasst sie sich mit der Stickstoffeffizienz verschiedener Rebsorten unter veränderten klimatischen Bedingungen. Das Projekt wird vom Fachzentrum Klimawandel (FZK) beim Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie gefördert.

Prof. Dr. Löhnertz erläuterte anschließend die Aktivitäten der Hochschule Geisenheim im Bereich Wasserschutz und die ging dabei gezielt auf die Beratungstätigkeit zur Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie ein: seit vielen Jahren berate man in enger Kooperation mit dem Weinbauverband die Winzer; die langjährige Optimierung der Stickstoffdüngung führe inzwischen zu einem langsamen Rückgang der Nitratbelastung in den Brunnen im Rheingau.

Direkt vor seiner Versuchsanlage im „Geisenheimer Mäuerchen“ informierte danach Prof. Dr. Kauer über Forschung und Projekte im ökologischen Weinbau und stellte die Arbeiten der Hochschule im Bereich des biologisch-organischen und biologisch-dynamischen Weinbaus vor. In einem langjährigen Systemvergleich werden diese Bewirtschaftungssysteme gegenübergestellt und mit der integrierten Produktion von Keltertrauben verglichen. Inzwischen stünden zwei Doktorarbeiten kurz vor dem Abschluss.

Schließlich erläuterte Prof. Dr. Ilona Leyer, dass in der Landwirtschaft eine Vielzahl biotischer Interaktionen dafür sorge, eine nachhaltige Pflanzenproduktion zu ermöglichen. Das gelte auch für die Traubenproduktion: „Wie alle anderen landwirtschaftlichen Kulturpflanzen wachsen Reben im Zusammenspiel einer Vielzahl biotischer Interaktionen. So basiert zum Beispiel das Geschehen im und auf dem Boden maßgeblich auf mikrobiologischen Aktivitäten und dem Vorhandensein von Kleinsttieren, wie zum Beispiel Springschwänzen, Fadenwürmern oder Laufkäfern. Es heißt, je größer die Biodiversität im Boden, desto besser können Pflanzen wachsen und gedeihen. Diese ökologisch äußerst diffizile Allianz zwischen Reben, Bodenmikroorganismen und Bodentieren kann allerdings durch verschiedene Einflussfaktoren gestört werden, so dass in der Folge einige Mikroorganismen nicht mehr richtig wachsen können oder Bodentiere in ihrer Entwicklung gehemmt werden, allen voran der Regenwurm, der für eine gute Bodenstruktur sorgt.“ In einem jüngst genehmigten EU-Projekt wollen die Wissenschaftler des Konsortiums im bereits beschriebenen ökologischen Systemvergleich untersuchen, inwieweit die Art der Bewirtschaftung Auswirkungen auf das Bodenleben hat und ob eine gezielte Beeinflussung der Bodenmikroflora und der Bodentiere möglich ist, die dann wiederum das Wachstum der Reben fördern können. Neben dem Vorhandensein von Bodenbakterien und Bodenpilzen in den Rebgassen soll vor allem auch die Besiedelung der Rebwurzeln mit so genannten Mykorrhiza-Pilzen untersucht werden. Diese besonderen Pilze leben auf der Wurzeloberfläche und haben direkten Einfluss auf das Pflanzenwachstum. Ob das bei Reben auch so funktioniere und ob die „Mykorrhizierung“ für ein verbessertes Wachstum genutzt werden könne, soll untersucht werden, so die Wissenschaftlerin, die dieses EU-Projekt von Geisenheim aus koordiniert.

Nach dem Besuch in der Hochschule Geisenheim fuhren die Ministerin, der Weinbaupräsident und ihre Begleiter zum Weingut Leitz in Rüdesheim, wo man sich bei einem Rundgang durch die Rebflächen insbesondere die Steillagen und die Terrassenkultivierung mit Trockenmauern im Weinbau anschaute. Der Besuchergruppe wurde die Lage Rüdesheimer Kaisersteinfels gezeigt. Hier dominieren wiederhergestellte und neu errichtete Trockenmauern das Bild der Steillage. Solche Trockenmauern bieten einer Vielzahl spezieller Tier- und Pflanzenarten einen idealen Lebensraum und tragen somit in besonderem Maße zum Erhalt biologisch vielfältiger Weinbaustandorte bei. Weinbaupräsident Seyffardt hob hervor, dass sich das Weingut Leitz sehr um den Erhalt der Steillagen bemühe. Es sei wichtig, die Steillagen zu erhalten und damit die Attraktivität der Kulturlandschaft Rheingau zu fördern.

Priska Hinz lobte zum Abschluss ihrer Rheingau-Sommertour den innovativen Ansatz zur Verbesserung des Pflanzenschutzes und die praxisorientierten Versuche im ökologischen Weinbau. Sie hob auch die Bedeutung der eher grundlagenbasierten Projekte „FACE“ und „Biodiversität“ für politische Entscheidungen im Ministerium hervor, da die Projektergebnisse dazu beitragen, zukünftig die Risiken des Klimawandels bzw. eines intensiven Rebschutzes aber auch die Chancen alternativer Bewirtschaftungsformen besser beurteilen zu können.

Text: Prof. Dr. Beate Berkelmann-Löhnertz